Wissenschaftsdiplomatie in unsicheren Zeiten
Interview mit Patrizia Nobbe, UAS7-Büro Nordamerika
Mit dem heutigen Internationalen Tag der Demokratie erinnert die Generalversammlung der Vereinten Nationen an die Grundsätze der Demokratie. Was kann die Wissenschaft zum Schutz demokratischer Werte beitragen? Darüber haben wir mit Patrizia Nobbe, PhD, gesprochen.
UAS7: Hallo Patrizia. Ein Instrument zur transatlantischen Völkerverständigung ist die Wissenschaftsdiplomatie, auf Englisch „Science Diplomacy“. Was ist Science Diplomacy für dich?
Patrizia Nobbe: Dr. Ekkehard Strauß, Professor der HWR Berlin, hat das Thema für unseren Hochschultyp Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) untersucht. Er beschreibt Science Diplomacy als Sammelbegriff für „Ansätze zur Bewältigung globaler Herausforderungen“1 . In diesem Sinne initiieren UAS7 und die Hochschulen internationale Kooperationen, um globale Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen und dabei unterstütze ich sie.

Patrizia Nobbe ist promovierte Politikwissenschaftlerin und leitet das UAS7 Büro Nordamerika seit 2018 als Executive Director. Das Verbindungsbüro befindet sich im Gebäude des Deutschen Konsulats und des Deutschen Wissenschafts- und Innovationshauses (DWIH) in Manhattan, New York. Gegenüber steht das Hauptquartier der Vereinten Nationen.
UAS7: Hast du Beispiele für transatlantische Kooperationen?
Patrizia Nobbe: Drei Beispiele: Das UAS7-Büro Nordamerika organisiert transatlantische Pitch-Veranstaltungen. Diese bringen aufstrebende Start-ups und ihre Innovations-Ökosysteme wechselseitig auf den Radar. Zudem fördern wir die Anbahnung transatlantischer Kooperationen zwischen Fakultäten unserer US-Partnerhochschulen und unseren eigenen Hochschulen z. B. durch Mobilitäten oder Collaborative Online International Learnings (COIL). Gemeinsame Folgeaktivitäten unterstützen wir nach Kräften. Und wir knüpfen Kontakte zu internationalen Bewerber*innen, wie gerade im August auf der GAIN-Conference in San Francisco. Dort haben wir die deutsche Hochschullandschaft und unsere HAWs vorgestellt und Bewerber*innen – hoffentlich – passgenaue Karriereperspektiven angeboten.
UAS7: Wie funktioniert die transatlantische Vernetzung mit den Partnern in Nordamerika?
Patrizia Nobbe: Das UAS7-Büro Nordamerika ist in die Netzwerke unserer US-amerikanischen Hochschulpartner eingebunden. Als Mitglied der Deutschen Wissenschafts- und Innovationshäuser (DWIH) New York, San Francisco und São Paulo (Brasilien) sind wir zudem Teil breiter, fachlich vielfältiger und überregionaler Netzwerke. Besonders wichtig sind hier persönliche Kontakte, da hier zunächst Vertrauen aufgebaut wird, das sich dann später in institutionellen Beziehungen verstetigen kann. Diese subnationalen Beziehungen sind wichtiger Bestandteil von Wissenschaftsdiplomatie.
UAS7: In New York arbeitest du mit den Verbindungsbüros weiterer deutscher Hochschulen und -verbünde zusammen. Welchen Beitrag zur Wissenschaftsdiplomatie leisten eure Verbindungsbüros in den USA?
Patrizia Nobbe: Der Deutsche Akademischen Austauschdienst (DAAD) hat jüngst bekräftigt, dass die USA weiterhin ein wichtiger außenpolitischer Partner bleiben. Die Verbindungsbüros deutscher Hochschulen in New York und San Francisco sind wichtige „supporting institutions“. Hier geht es im ersten Schritt um permanente Sichtbarkeit der deutschen Hochschullandschaft bzw. unserer HAWs und im zweiten darum, belastbare Wissenschaftskooperationen zu initiieren und zu pflegen.
Gemeinsam organisieren wir Formate, auf denen wir Deutschland als Wissenschaftsstandort und unsere jeweiligen Hochschulen präsentieren. Kürzlich zum Beispiel eine gemeinsame Netzwerk-Veranstaltung für Postdocs (25.08.2026) oder demnächst die Online-Veranstaltung „Germany Grad Fair“ (22.10.2026). Wir bringen auch Förderorganisationen an Bord, wie den DAAD, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Alexander von Humboldt-Stiftung, die Fulbright Association und weitere.


UAS7: Aktuell sortieren sich die geopolitischen Verhältnisse neu. Die bisherigen internationalen Wissenschaftsbeziehungen und unsere demokratischen Werte sind nicht mehr selbstverständlich. Welchen internationalen Beitrag können HAWs leisten, um sie weiterhin intakt zu halten?
Patrizia Nobbe: Internationalisierung ist ein wichtiger Baustein für Resilienz von Wissenschaftssystemen. Belastbare Wissenschaftsbeziehungen helfen uns, Krisen zu bewältigen und stärken die offenen, pluralistischen Räume, auf denen demokratische Gesellschaften beruhen – im Ausland ebenso wie in Deutschland. HAWs können internationalen Wissenschaftler*innen, die neue Anbindungen suchen, sichere akademische Räume und exzellente fachliche Netzwerke bieten. Zugleich können sie mit ihrem Know-how als Katalysatoren zwischen Unternehmen, Kommunen und Zivilgesellschaft international zur Stabilität beitragen.
Nochmal zur GAIN-Conference in San Francisco: Die Gespräche bauten natürlich auf den Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und den USA auf. Themen wie Forschungsfinanzierung und -sicherheit, wissenschaftliche Freiheit, internationale Mobilität und Chancengleichheit standen auf beiden Seiten im Mittelpunkt und unterstreichen die Wertegemeinschaft. Beide Seiten müssen sich trotz der gegenwärtigen politischen Unsicherheiten für geeignete Rahmenbedingungen einsetzen. Dazu gehören dauerhafte Förderinstrumente für stabile Beziehungen. Als UAS7- Netzwerk haben wir z. B. kürzlich zu den geplanten Kürzungen der Hochschulförderung in der Entwicklungszusammenarbeit Stellung genommen, die insbesondere Länder des Globalen Südens betreffen würden.2 HAWs können und müssen verlässliche Wissenschaftspartner bleiben – gerade dann, wenn die Rahmenbedingungen schwieriger werden.
1Strauss, Ekkehard (2026): "Applied Sciences for Research and Practice" In: Lüdert, Jan, Wählisch, Martin (Hrsg.): The Palgrave Handbook of Science Diplomacy, Cham, S. 255–262, hier: S. 257, https://doi.org/10.1007/978-3-032-29473-9_18.
2 UAS7: "Stellungnahme zum geplanten Auslaufen der Hochschulförderung in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit", 19.06.2026.